Dieser Beitrag ist erstmals erschienen bei Melanie Belitza

Als Vollzeit-Angestellter aber auch Teilzeit-Tätiger beschäftigt sich Lucas Söker(@lucassoeker) mit Fragen zur Arbeits- und Lebenszeit. Dabei endet er, nicht zuletzt verstärkt durch Corona, bei Punkten für die er dankbar ist.

#TeilzeitPerspektiven ist eine Mini-Interview-Reihe im Anschluss an die Blogparade Teilzeit, um noch mehr über die vielfältigen Perspektiven der AutorInnen zu erfahren. 

In dieser Woche: Nachgefragt bei Lucas.

Der Titel Deines Beitrags “Teilzeit. Vollzeit. Bitte?” zeigt auf den ersten Blick, dass Du Dich mit der allgemeinen Definition von Arbeitszeit schwer tust. Wie hast Du es für Dich persönlich definiert? 

Die Definition bleibt schwierig und ist eigentlich, gerade in meinem Umfeld, dann doch ganz einfach: 38,5 Stunden in der Woche sind Vollzeit.

Ich habe mit vielen Menschen zu tun, die tariflich bezahlt werden und sich darum wohl sehr häufig auch mit diesen Begrifflichkeiten “rumschlagen” müssen. 

Für mich bleibt: Ich habe einen Vollzeitjob – nicht nur gemäß Arbeitsvertrag. Dabei ist mir egal, ob es mal 34 Stunden und mal 45 Stunden sind. Wichtig ist die Freude an der Arbeit. Ich gebe mindestens 100 %.

Wie sieht ein für euch typischer Tag in der Familie aus? Ist dadurch, dass Deine Frau im Schichtdienst arbeitet und Du mitunter an Wochenenden, Zeitplanung eine Herausforderung oder routinierter Alltag? Wie plant ihr, um alles unter einen Hut zu bekommen?  

Als wir unseren ersten Sohn erwarteten habe ich in voller Naivität immer gesagt, wie gut wir es doch haben werden – meine Frau im Schichtdienst und ich sehr flexibel. Was soll da schief gehen? Die Realität hat uns schnell eingeholt. Kein Tag ist wie der andere und ohne etliche Terminkalender würden wir den Alltag vermutlich nicht meistern können.

Immer wieder kollidieren meine Termine mit den wechselnden Krankenhausschichten meiner Frau und dann ist manchmal auch noch der Sohn krank. Das ist schlichtweg nicht planbar. Wir planen von Woche zu Woche und sind froh über ein großes familiäres Netzwerk. 

Und die Wochenenden haben bei uns bisher gar nicht die Bedeutung, die sie wohl für sehr viele andere Menschen haben. Meine Frau arbeitet jedes zweite Wochenende und ich habe auch viele Wochenendtermine. Da genießt man dann durchaus die freien Tage unter der Woche ganz besonders – so wie andere eben den Sonntag.

Den typischen Tag in der Familie gibt es wohl spätestens seit Corona nicht mehr. Vorher aber eigentlich auch nicht. 

Du schreibst in Deinem Artikel, dass es Deinem Umfeld teils schwer fällt Dein flexibles Modell zu verstehen. Was antwortest Du darauf? 

Ich versuche die Vor- und Nachteile im Dialog zu klären. Ich erkläre meinem Umfeld gern, dass Menschen ganz unterschiedliche Bedürfnisse haben. Dass sie sich nach Lebensphase, Familienstand und anderen Faktoren entwickeln.

Und während ich keine Lust (mehr) habe von 7 bis 16 Uhr zu arbeiten, ist die Flexibilität eben für andere Menschen nicht das richtige. 

Ich stoße dabei auf viel Verständnis und Einsicht. Aber es bleibt für manche Menschen unverständlich.

Das vielfältige Thema Arbeit interessiert Dich auch über den Aspekt Arbeitszeit hinaus: Arbeit und Privatleben, Arbeitsweisen, Arbeitsorte. Was treibt Dich bei diesem Thema an?

Arbeit ist ein Begriff bei dem dich viele Menschen direkt in eine Schublade stecken. Sprich von Arbeit und deinem Job und schon wissen sie, ob du von 7 bis 16 Uhr arbeitest, im Dreischichtmodell oder was auch immer. 

Ich möchte mit diesem Urzeitendenken aufräumen. Schon viele Jahre ist Arbeit nicht mehr das was es mal war. Der Begriff verändert sich seit seiner Entstehung… 

Bei den Fragen nach Arbeitsweisen, Arbeitszeiten und Arbeitsorten schließen meiner Erfahrung nach immer Menschen von sich auf andere. So wird eine Person, die ausschließlich Schreibtischarbeit im Büro gewohnt ist, sich schwer mit dem Gedanken tun, dass andere Menschen auf einer Parkbank arbeiten oder in der Bahn. Im Gegenzug dürfen diese flexiblen Menschen aber auch nicht erwarten, dass alle so arbeiten wie sie es mögen. 

Das wiederholt sich nahezu bei der Frage nach Arbeitszeiten im Bezug auf mein Umfeld, die ich im vorherigen Absatz aufgenommen habe. 

Menschen sind zum Glück nicht alle gleich und das gilt auf für die Arbeitswelt. Ich bin so froh, dass ich nicht im Schichtdienst arbeiten muss. Und ich bin froh, dass ich nicht jeden Tag von 8 bis 17 Uhr arbeiten muss mit einer verpflichtenden Mittagspause. Und dennoch gibt es Menschen, die genau diese Aspekte für ihre persönliche Zufriedenheit benötigen. 

Wir müssen endlich lernen den anderen mit seinen Bedürfnissen und Einschätzungen ernst zu nehmen. Und seien wir doch mal ehrlich: das gilt nicht nur für die Arbeitswelt. 

Das treibt mich an. Ich möchte der Welt da draußen zeigen, dass Bedürfnisse individuell sind – auch im Bezug auf Arbeitsweisen und Arbeitsorte. Und dass das nicht immer bzw. fast nie zum Nachteil für Arbeitsgeber*innen ist. Eher im Gegenteil. 

Auch wie Corona Deine Einstellung zu Arbeit verändert hat, teilst Du in Deinem Beitrag. Den hast Du im Juli 2020 geschrieben – hat das letzte halbe Jahr weitere Erkenntnisse gebracht?

Nicht grundlegend. Nur die Erkenntnis, dass ich besser auf mich achten muss. Flexible Modelle führen schnell dazu, dass man “zu viel” macht. Seit Beginn der Pandemie laufe ich auf Hochtouren. Das ist kaum länger durchzuhalten und ich merke, dass die Kräfte schwinden. Da ist es Zeit ein wenig runterzuschrauben. Kraft tanken für neue Projekte. 

Bei einem 9 to 5 Job wäre das vermutlich nicht passiert. Eine Garantie gibt es dafür aber kaum. 

Teil Deines Fazits war, dass Arbeitszeit etwas individuelles ist und sich jede:r ein Modell aussuchen soll, das passt. Hast Du einen Tipp, wie man das finden kann?

Ich habe keine wirklichen Tipps. Was ich aber auch in dieser Pandemie immer wieder lerne ist, dass wir selbst besser über uns und unser Leben reflektieren sollten. Arbeit nimmt im Leben der allermeisten Menschen einen so hohen Stellenwert ein, dass wir die Zufriedenheit dabei nicht unterschätzen sollten. 

Bist du zufrieden mit deinem Job? Mit den Ergebnissen und Erlebnissen? Mit den Möglichkeiten und Einschränkungen? 

Stell dir diese Fragen. Nicht ständig, aber immer mal wieder. Und dann wird man nur in einer Kombination aus einem Job und den Möglichkeiten zu einer Antwort auf diese Frage kommen.

Ich bin aktuell sehr zufrieden mit meinem Modell. In meinem nächsten Job wird das vermutlich nicht 1:1 so sein.

“Zeigen wir der Welt da draußen, dass Arbeitszeitmodelle schon lange kein Einheitsbrei mehr sind.” – diesen Impuls gibst Du in Deinem Beitrag. Wie könnte das konkret aussehen?

Indem wir über Arbeitsmodelle schreiben und miteinander ins Gespräch kommen. Indem wir Vor- und Nachteile aufzeigen, die aber immer sehr individuell sind. Indem wir noch viel öfter das tun, was wir hier tun: Danke Melanie für den Anstoß.

Lieber Lucas, vielen Dank für Deine Zeit – schön, dass Du bei der Blogparade und den #TeilzeitPerspektiven dabei warst. Und, dass Du Deine Gedanken zu Arbeit und Arbeitszeit sowie Einblicke in eure Zeitplanung und Dein flexibles Modell geteilt hast.

Zu Lucas Blogparaden-Beitrag: Teilzeit. Vollzeit. Bitte?

Was ich also Menschen empfehlen kann? Weder Voll- noch Teilzeit. Ich kann aus eigener Erfahrung empfehlen das zu tun was man gerne tut und was zu einem selbst passt. Vollzeit, Teilzeit, geregelte Arbeitszeiten, flexible Arbeitszeiten. Sucht das Modell das zu euch passt. Und macht was euch Freude bereitet.

Alle Beiträge der Blogparade: https://bxsuitcase.de/blogparade-teilzeit

Die Zusammenfassung der Blogparade: Lasst uns Teilzeit-Geschichte(n) schreiben!

Alle Interviews der #TeilzeitPerspektiven: https://bxsuitcase.de/teilzeitperspektiven/ 

Bild: CC BY-SA 4.0 Maik Meid

Author

Was mit Evangelischer Jugend, Digitalisierung, Nordsee und Papa sein. Threema ID: HDX7AJB2

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