Ich bin kein Typ für Jahresrückblicke. In der Vergangenheit habe ich das manchmal trotzdem gemacht, aber eigentlich schaue ich lieber auf das was kommt als auf das was war. Aber vermutlich werden am Ende dieses besonderen Jahres dann doch wieder Menschen Fragen stellen: Wie war dein Jahr? Was nimmst du mit? Was hast du gelernt? Was möchtest du ändern?

Eine Pandemie

Und diese Fragen sind berechtigt, denn hinter uns liegt ein Jahr, wie wir es wohl alle noch nie erlebt haben. Eine Pandemie die unsere Welt in Atem hält. Eine Pandemie die meinen Arbeitsalltag von jetzt auf gleich schlagartig verändert hat. Eine Pandemie die mein Familienleben grundlegend verändert. Eine Pandemie die Kontakte zu meinen Freunden stark eingeschränkt hat. Eine Pandemie die unsere ganze Welt nachhaltig verändern wird.

Und ich finde es tatsächlich irgendwie erschreckend, wie schnell dieses Jahr an uns vorbeigeflogen ist – mit voller Wucht. Und ich habe mich selten am Ende eines Jahres so müde gefühlt wie ich es heute tue – und das liegt nicht nur daran, dass die Nächte in den letzten Wochen sehr anstrengend waren. Ich bin müde und erschöpft. Ausgelaugt. Aber zufrieden, wenn man in dieser Pandemie von Zufriedenheit sprechen kann.

Und so möchte ich euch mitnehmen auf eine Reise durch mein Jahr 2020. Eine unvollständige Reise.

Lockdown März 2020

Als die Pandemie uns im März mit voller Wucht traf, änderte sich beruflich und familiär gesehen auf einen Schlag alles. Die Eingewöhnung des Kindes in der Kita war gestrichen und bei der Arbeit überschlugen sich die Ereignisse.

Arbeiten im HomeOffice war für mich nicht neu – in dieser Ausschließlichkeit aber eben doch. Wir sagten alle Maßnahmen der Kinder- und Jugendarbeit ab und damit wurde es von jetzt auf gleich sehr ruhig. Doch nach wenigen Augenblicken der Entspannung ging es mit voller Kraft weiter.

Für uns im Landesjugendpfarramt war klar, dass wir weitermachen müssen. Angebote für Kinder- und Jugendliche schaffen. Für die Menschen die sich auf uns verlassen. Die uns anvertraut sind und die nicht nur in den Osterferien an vielen Angeboten teilgenommen hätten.

ejo Café

Auf dem Instagram-Kanal der ejo stellte ich die Frage nach Wünschen, nach Bedarfen von den uns folgenden Menschen. Und so schufen wir innerhalb weniger Stunden nach Bekanntwerden des Lockdowns das ejo Café – einen Discord Server.
Was dort seit dem ersten Lockdown abgegangen ist bleibt der Wahnsinn. Lesungen, Kaffeeklatsch, Gamingrunden, Zuhören und und und. Wir haben einen Ort geschaffen der auch heute noch Treffpunkt für Menschen von nah und fern ist. Ein Ort für Austausch und gemeinschaftliche Aktionen.

Workshops

Nahezu parallel dazu starteten wir mit vier Kolleg*innen die so genannten ejo Workshops. Ein Angebot mit digitalen Workshops von Haupt- und Ehrenamtlichen für Haupt- und Ehrenamtliche. Ein Bildungsangebot mit sehr unterschiedlichen Formaten. Ein Gitarrenkurs für Anfänger, ein Austausch über Kreativitätstechniken und und und. Bis Anfang Juli hatten 60 Workshops mit 400 Teilnehmenden stattgefunden. Inzwischen ist es etwas ruhiger geworden, aber zwischendurch gibt es immer mal wieder neue Angebote.

Viel mehr – bei bestem Wetter

Es ist so viel entstanden in dieser Zeit. Es war keine ruhige Zeit. Es waren stressige Monate. Sehr stressige. Aber sie haben vor allem eins gemacht: sehr viel Spaß.

Zuhause jonglierte ich zwischen HomeOffice, Kinderbetreuung, Familienzeit und allem was so anlag. Und zum Wetter halte ich hier fest: das Frühjahr 2020 war fantastisch.

Ich kann mich an viele Tage bei bestem Wetter erinnern. Tage an denen ich morgens um 5 Uhr draußen den ersten Kaffee trank und dem Sonnenaufgang zuschauen konnte. Tage an denen man über Tag immer wieder in der Sonne lag und neben den beruflichen Herausforderungen den Garten anlegen konnte und ich besonders viel Zeit mit meinem Sohn hatte. Eine gute Zeit. Irgendwie.

Und ich war noch nie so glücklich über einen Umzug. Ein Umzug der uns Ende 2019 in dieses Haus brachte. Mit eigenem Garten, mit Platz, mit einem eigenen Büro.

Netzwerk. Netzwerk. Gemeinsam.

2020 – endlich vernünftige Bilder von Gina Pape

Und beruflich ging es super weiter. In der Pandemie konnte ich mein Netzwerk weiter ausbauen und wir haben der Welt da draußen gezeigt, wie die Kinder- und Jugendarbeit mit den Herausforderungen umgeht. Wir haben auf Landesebene Austauschforen angeboten, uns gegenseitig bei neuen Tools geholfen, uns zugehört und voneinander gelernt. Gemeinsam mit dem Justizministerium konnte ich mehrere Webinare zu digitaler Kinder- und Jugendarbeit durchführen.

Eine krasse und wichtige Zeit. Eine Zeit in der wir wieder einmal gemerkt haben wie wichtig Zusammenhalt ist.

Sommer. Normalität?

Und dann kam der Sommer. Ein bisschen Normalität? Nicht so richtig. Aber ehrlich gesagt war ich im Sommer schon so im Social Distancing eingefahren, dass es sich manchmal so anfühlte wie immer – mit ein paar Einschränkungen.

Für die Kinder- und Jugendarbeit war der Sommer alles andere als normal. Wir entschieden aufgrund der aktuellen Lage alle bis dahin geplanten Sommermaßnahmen abzusagen – und Alternativen zu schaffen. Ein trauriger Moment. Wirklich. Ich selbst bin gar nicht mehr aktiv in der Freizeitenarbeit unterwegs. Aber ich war viele Jahre mit dabei und habe selbst Freizeiten organisiert und allein der Gedanke schmerzt.

Wir konnten im Sommer wieder im Büro arbeiten. Urlaub war nicht so viel wie geplant. Weil es beruflich viel zu tun gab, die Hochzeit in der Familie kleiner ausgefallen ist und ein Urlaub sowieso nicht anstand. Ich war mit Freunden zwei Tage auf Fehmarn. Davon zehre ich heute noch. Das tat richtig gut. Ansonsten: Garten, Familie, wenige Freunde und Begegnungen, Arbeit.

Digitale Vollversammlung

Natürlich blieb auch die Evangelische Jugend Oldenburg (ejo) nicht davon verschont, ihre Vollversammlung digital durchzuführen. Da sich das Gremium aber schon seit einigen Tagungen mit der Digitalisierung ihrer Sitzungen beschäftigt hat, war eine digital durchgeführte Versammlung kein riesiger Schritt mehr.

Das wenig überraschende Fazit könnte man so beschreiben: hat funktioniert, aber miteinander vor Ort ist es schöner.

Lockdown light

Dass der Lockdown light nicht den gewünschten Effekt brachte wundert mich nicht. Ich will aber auch nicht neunmal klug darauf rumreiten. Ich bin der festen Überzeugung, dass unsere Politiker*innen ingesamt einen ziemlich guten Job machen.

Vom Lockdown light spürte ich aber kaum etwas. Alles war „normal“. In einem Restaurant war ich in diesem Jahr glaube ich sowieso noch nicht essen. Ich war mal etwas snacken und in einem Eiscafé – irgendwann im Sommer.

Digitale Synode in knapp 14 Tagen

Auf Umwegen kam es dazu, dass unsere Kirchenleitung mich am 5. November 2020 mit der Projektleitung für die 1. Digitale Synode der Ev.-Luth. Kirche in Oldenburg beauftragte – knapp 14 Tage vor der Tagung.

14 sehr intensive Tage, mit Höhen und Tiefen, Tränen und hoher Anspannung, Augen öffnenden Momenten, motivierten Menschen und einer großen Aufgabe auf den Schultern.

Das war wirklich heftig, weil man im Voraus gar nicht jedes noch so kleine Detail bedenken kann. Aber wir haben die Synode gestemmt und es war super. Die Ergebnisse einer Umfrage, die im Nachgang zur Synode erfolgte, bestätigt mich in meiner Annahme.

Das etwas andere etwas andere Krippenspiel

Ein Herzensprojekt. Seit vielen Jahren führen junge Menschen am 26. Dezember ein etwas anderes Krippenspiel in Bockhorn auf. Mit einem Quad in der Kirche, mit Ballermann-Musik, mit Flugzeugabstürzen. Es gab schon viel zu sehen beim etwas anderen Krippenspiel und dieses Jahr war es es – wie beinahe alles – nochmal etwas anders.

Gemeinsam mit knapp 20 engagierten jungen Menschen haben wir das etwas andere Krippenspiel verfilmt und schließlich bei YouTube online gestellt. Eine Auswertung ist noch offen, das Feedback bisher aber recht gut.

Ende des Jahres

Das war es dann. Die ersten Impfungen laufen. Weihnachten haben wir ebenfalls hinter uns gelassen. Ruhiger als sonst. Intensiver als sonst.

Ich habe ein paar Tage frei und dann kommt 2021. Und für manche Menschen mag es überraschend klingen, aber auch 2021 wird nicht wie früher sein. Wir leben in einer Pandemie. Der Lockdown soll bislang bis zum 10. Januar andauern – eine Verlängerung ist schon heute im Gespräch. Und es würde mich nicht wundern. Bereiten wir uns also auf ein etwas anderes Jahr 2021 vor und machen was draus. Gemeinsam. Ich freue mich.

Danke

Ich möchte mich an dieser Stelle bedanken. Insbesondere bei meiner Familie, die in diesem Jahr zwar viel Zeit mit mir verbringen konnte, aber auch sehr oft auf ihren gestressten Ehemann und Vater verzichten musste. Die meine Launen ausgehalten hat, wenn ich nachts mal wieder nur zwei Stunden geschlafen habe, weil sich Ideen in meinem Kopf überschlugen.

Ich möchte Danke sagen allen meinen Freunden. Freunde sind die Menschen, die auch in solch schwierigen Zeiten zusammenhalten und füreinander da sind. Menschen die Verständnis haben, wenn man mal weniger Zeit hat oder unzuverlässig ist.

Danke sagen möchte ich auch allen Kolleg*innen, die sich häufig über Gebühre engagiert und eingebracht haben. Die aus diesem besonderen Jahr ein besonders positives Jahr für so viele junge Menschen gemacht haben – die ihnen Halt gegeben haben und Angebote geschaffen haben. Mein ganz besonderer Dank gilt dabei meiner OfficeBFF – danke Farina.
Ich möchte allen Engagierten in der Kinder- und Jugendarbeit danken. Ohne euch alle wäre das alles nicht möglich. Und ja es klingt platt, aber es ist nunmal so: Ohne euch sieht unsere Kirche alt aus.

Und ich möchte mich noch bei so vielen anderen Menschen bedanken die gezeigt haben, dass eine Pandemie uns sicherlich aus der Bahn schmeißen kann, uns aber nicht von unserem Weg abbringt. Danke.

Und was 2020 noch so war: Geburtstag, Hochzeit, Quarantäne, Nachwuchs, Freundschaft, Garten, Auto, Mähroboter, Windows …

Author

Was mit Evangelischer Jugend, Digitalisierung, Nordsee und Papa sein. Threema ID: HDX7AJB2

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