Auto verkauft – ein Fehler?

Ich sitze im Bus. Es ist noch keine 6 Uhr und das bedeutet, dass es sehr früh ist. Zug fahren ist seit Anfang November nicht mehr, weil wir umgezogen sind – nach Jaderberg in der Wesermarsch. 

Bahnhaltepunkt in Jaderberg

Ab April mit der Bahn von Jaderberg nach Oldenburg?

Einen Bahnhaltepunkt sollte es in Jaderberg seit Dezember 2019 geben. Die Fertigstellung verzögert sich, weil bei Bauarbeiten Kabel neben den Gleisen gefunden wurden. 

Ich sitze also im Bus. Der fährt von Jaderberg nach Oldenburg 45 Minuten und hält in der Theorie an 37 Halten – um diese Uhrzeit fahren nicht so viele Menschen mit, darum sind es lediglich theoretische Halte. 
In Oldenburg muss ich noch einmal umsteigen und ein Stückchen zur Arbeit laufen. Es geht, kostet aber Zeit. Wobei der Zeitaufwand eben nicht größer ist als vorher mit Rad, Bahn und Bus

Zeit, die man tatsächlich für andere Dinge nutzen kann, zumal sich die Funklöcher auf der Strecke in Grenzen halten. Ich höre Podcasts, lese, blogge und bereite mich auf den Arbeitstag vor. Ich schalte ab. Das geht schon und sonst kaum. 

Grenzen

Und dennoch kommt die persönliche Mobilitätswende inzwischen immer wieder an ihre Grenzen. 
Ein zweites Auto? Ja, das wäre wohl die einfachste Lösung. Es würde uns Flexibilität und Zeit schenken. Fahren würde ich mit dem Auto ca. 20 – 25 Minuten und das von Tür zu Tür. 

Aber es gibt mehrere Gründe, die gegen diese einfache Lösung sprechen. Einfach kann jeder. 

Wenn der Bahnhaltepunkt fertiggestellt ist, geht es mit Bahn und Bus relativ komfortabel und schnell nach Oldenburg. Darüber hinaus für knapp 80 Euro im Monat. Ein Rechengenie muss man da nicht sein – mit dem Auto ist das aus finanzieller Sicht schlicht nicht machbar. 

Die Zeit

Bleibt also letztlich der Blick auf die Zeit.

Die kann ich für die kommende Bahnverbindung nur überschlagen. Aber laut Bahn App liegt die Fahrzeit bei 18 Minuten. Für den Weg zur Bahn benötige ich 5-10 Minuten mit dem Fahrrad und in Oldenburg dann noch einmal ca. 10-15 Minuten je nach Verbindung. Grob gerechnet lande ich also bei ungefähr 33-43 Minuten von Tür zu Tür. Das geht schon. Aber dennoch muss man sich eben fragen, was einem die Zeit wert ist und wie es in den eigenen Alltag passt.

Und dann fragen mich immer wieder Menschen, warum ich das eigentlich tue. Weil ich Geld spare, weil ich keinen Führerschein mehr habe oder was auch immer!?

Es ist schwer zu beschreiben. Aber da ich rund um Weihnachten mit vielen Menschen über das Thema gesprochen habe, probiere ich es mal:
Ich war sehr genervt. Genervt vom Autofahren. Von Staus, Berufsverkehr, Schleichern, Dränglern und und und … und ich war genervt von mir selbst, denn von einem guten Autofahrer bin ich weit entfernt. Und ich war genervt von den Kosten die ein Auto verursacht, obwohl es die meiste Zeit irgendwo steht.
Und immer irgendwie angespannt und unter Strom ohne Bewegung.

In öffentlichen Verkehrsmitteln habe ich Zeit für mich. Zeit abzuschalten und Zeit Dinge zu tun, die ich tun möchte. Klingt wahrscheinlich etwas verrückt, aber es entspannt mich –irgendwie. Und ja, manchmal ist es nervig. Seltenst kam ein Zug zu spät – im Stau stand ich öfter. Aufrechnen kann man das sicherlich nicht.

Familie

Und bei dem Blick auf die Familie bekomme ich wieder Zweifel. Ich bin lange unterwegs, unflexibel und mit zwei Arbeitnehmenden ohne feste Arbeitszeiten kommt man sehr häufig an seine Grenzen. Schichtdienst ist für Vorausplanungen ungefähr so praktisch wie total flexible Arbeitszeit mit Terminen am ganzen Tag und in den Abendstunden. Nicht sehr praktisch, aber oft sehr hilfreich – vielleicht mache ich dazu nochmal einen eigenen Beitrag.

Man merkt daran recht schnell wie wichtig die verbleibende Zeit ist. Zeit füreinander, Zeit für Familienorganisation, Zeit für sich.

War es also ein Fehler?

Ob es also ein Fehler war das Auto zu verkaufen kann ich nicht abschließend sagen. Bereuen tue ich es noch nicht. Also manchmal nervt es mich. Aber es nervt mich noch nicht so sehr, als dass wir uns aktuell ein zweites Auto kaufen würden. Die Zukunft wird es zeigen mit allem was vor uns liegt: Krippenzeit, Sommerzeit, etc.

Es bleibt dabei: aktuell ist es für mich eine gute Lösung. Aus vielen Gründen. Und manchmal fahre ich mit dem Auto zur Arbeit und das ist auch schön. 

Achso: Ja, wir haben noch unser Familienauto.